Ergänzung zur 666 und

 

Ein schwedischer Pionier in hypnotischer Rückführung: John Björkhem.

Rückführungen – wie man sie heute nennt – unter Hypnose wurden vereinzelt und experimentell bereits in der Mitte vom 19. Jahrhundert durchgeführt. Die Pioniere waren hierbei zunächst zwei: Fernandez Colavida in Spanien und Albert de Rochas (d’Aiglun) in Frankreich. Davor wurden nur Einzelfälle von wohl eher unabsichtlichen „Rückführungen“ berichtet, nämlich ziemlich zufällig auftretende Phänomene in hypnotischen Zuständen. Die Geschichte solcher Rückführungen kann wie folgt sehr kurz dargestellt werden.

Bereits in Jahr 1850 hat ein Magnetiseur Baron Jules Denis du Potet eine frühe hypnotische Technik verwendet, um bei Versuchspersonen Halluzinationen hervorzurufen. Einige sollen dabei von früheren Leben berichtet haben [1,2].

Es wird berichtet [3,4], dass der in Hessen lebende russische Prinz Galizin 1862 (vermutlich Nikolai Borisovich Galitzin oder Golytsin, 1794-1866, ein Cellist, der Beethoven zu seinen letzten Streichquartetten inspirierte und möglicherweise mit H.P. Blavatsky zu tun hatte) eine ungebildete hessische Frau in Hypnose versetzte, worauf diese zum Staunen aller in bestem Französisch eine Geschichte aus einer früheren Existenz im 18. Jahrhundert erzählte, die aufgrund von Nachforschungen später vom Prinzen selbst bestätigt werden konnte. Hier war es nicht von vornherein die Absicht gewesen, die Person in ein (hypothetisches) früheres Leben zu versetzen. Es kam aber spontan dazu.

Der Erste, der mit dieser Absicht einen derartigen Versuch durchführte, dürfte der Spanier José María Fernández Colavida (1819-1888) gewesen zu sein, ein Mitglied einer spiritistischen Gruppe namens La Paz in Madrid und Präsident der Grupo de Estudios Psíquicos de Barcelona. Er sprach an einem internationalen spiritistischen Kongress in Barcelona 1888 über hypnotische Rückführungen in frühere Leben. Eine Person hatte dabei vier frühere Leben erlebt und auch den Seelenzustand vor der Inkarnation in das aktuelle Leben [5].

Später hat sein Kollege und Mitarbeiter Jacinto Esteva Marata bei einem spiri­tistischen Kongress in Paris 1900 hierüber berichtet [3]. Marata erwähnte auch, später selbst ein solches Experiment durchgeführt zu haben.

Nur wenige befassten sich ausführlich und systematisch mit dem Phänomen. Der Erste, der dies intensiv betrieb, seine Er­kenntnisse schriftlich aufzeichnete und dabei die Reinkarnationshypothese ernsthaft in Betracht zog, dürfte der französische Offizier Eugène Auguste Albert de Rochas d’Aiglun gewesen sein (dessen Name in der Literatur öfter als nur Albert de Rochas erscheint) [6]. Von spiritisti­schen Kreisen beeinflusst, sah er in der Reinkarnation eine ernst zu nehmende Möglichkeit und führte deshalb Hypnoseversuche mit der Absicht durch, dieses Phänomen gezielt hervorzurufen. Er beschrieb und kommentierte seine diesbezügliche Forschungsarbeit in dem Buch Les vies successives (Die aufein­anderfolgenden Leben), das im Jahr 1911 erschien [3]. Als erstes Buch zu diesem Thema hat es eine besondere historische Bedeutung.

Noch vor 1900 hat der Psychologieprofessor Théodore Flournoy, ein Lehrer von Carl Gustav Jung, in Genf einen Fall von einer Frau Hélène Smith (Pseudonym von Catherine-Elise Müller) studiert, die in Trance von früheren Leben erzählte. Er erklärte dies im Sinne der Kryptomnesie und hat darüber ein Buch geschrieben [7].

Um 1928 herum hat ein koptischer Lehrer Asa Roy Martin in Sharon (Pennsylvania, USA) Rückführungen durchgeführt, die angeblich auch therapeutische Auswirkungen hatten [1,8].

Ein weiterer Pionier, der das Phänomen aufgriff, war der schwedische Pfarrer, Psychiater und Forscher John Björkhem (1910-1963). Er war ein außerordentlich fähiger Hypnotiseur, jedoch außerhalb seines Landes ziemlich unbekannt. Björkhem habilitierte sich 1940 in Theologie, 1942 in Philosophie und promovierte 1949 in Medizin. Seine philosophische Habilita­tionsschrift behandelte unter anderem das eben erwähnte Phä­nomen bei Hypnose. Die Schrift ist nur in schwedischer Sprache erschienen und heißt: De hypnotiska hallucinationerna (Die hypnotischen Halluzinationen) [9].

Björkhem führte damals zu Forschungszwecken verschiedene hypnotische Versuche mit 1550 Personen durch. Bei ungefähr 60 von ihnen wurden durch „Versetzen in die Zeit vor der Geburt“ Erlebnisse hervorgerufen, die er als Pseudohalluzinationen bezeichnete (im Buch werden 28 solcher Fälle beschrie­ben). Eine Erklärung dazu vermied er allerdings, und zwar mit dem Hinweis: „Die Absicht ist nur, die Halluzination an sich zu studieren. Deshalb wird keine Diskussion von übrigen Zusam­menhängen aufgenommen. Sie würde ohne Zweifel in die Peri­pherie führen. Die Schwierigkeiten, eine solche Diskussion auf dem derzeitigen Stand der Wissenschaft zu zutreffenden Er­gebnissen voranbringen zu können, dürften außerdem unüber­schaubar sein … Das Material soll als Beispiel halluzinatorischer Erlebnisse und unter keinen Umständen anders betrachtet werden.“ (S. 74-75).

Die Absicht sei in erster Linie, die Struktur von hypnotischen Halluzinationen zu studieren, die nach seiner Meinung praktisch bei jedem hervorgerufen werden können (S. 76). Immerhin wird die Arbeit von de Rochas erwähnt, ohne diese in Bezug auf die Reinkarnationshypothese in ernst zu nehmender Weise darzustellen. Eine solche Haltung ent­spricht ganz dem wissenschaftlichen Usus und wird für die An­nahme des Werkes als Habilitationsschrift bei der Fakultät auch notwendig gewesen sein. Selbst hat Björkhem sich nie öffentlich dazu geäußert, ob er an die Reinkarnation glaube, oder nicht. Er behandelte das Thema vielmehr mit auffallender Vorsicht, auch in einer Schrift [10] anlässlich des bekannten Falles Bridey Murphy.

Die letztgenannte Schrift von John Björkhem, die im 1959 erschien, habe ich übersetzt und stelle sie nun in Deutsch dem Leser zur Verfügung mit Einverständnis seiner Enkelin Linda Björkhem-Bergman (Ärztin und Dozent in klinischer Pharmakologie beim Karolinska Institut in Stockholm) sowie der schwedischen Gesellschaft für Parapsychologische Forschung. Der Text liegt hier als eine PDF-Datei vor (mit Kommentaren von mir). Er hat eine klare historische Bedeutung, da er beschreibt, wie zu einer sehr frühen Zeit in der Geschichte der Rückführungen gründlich durchgeführte Versuche an ungefähr 600 Versuchspersonen vorgenommen wurden, wobei Björkhem sehr interessante Beobachtungen des Phänomens gemacht und Schlussfolgerungen daraus gezogen hat.

Über John Björkhem
Eine kurze Biografie über Björkhem liegt in einem Artikel [11,12] vor, die es sehr gut verständlich macht, dass er mit Äußerungen über Hypothesen wie Reinkarnation sehr vorsichtig war. Es kam früh zu Kontroversen über ihn, weshalb man gegen ihn intrigierte. Seine Habilitationsschrift [9] wäre beinahe nicht angenommen worden, da Manche die Thematik für unwissenschaftlich hielten, und es kam zu einer Art von Kompromiss. Er konnte sich damit schließlich habilitieren, aber man gab ihm ein niedriges Zeugnis. Als er 1949 auch in Medizin promoviert hatte, praktizierte er als legitimierter Arzt erfolgreich therapeutische Hypnose, wofür er ebenfalls kritisiert wurde. Man nutzte u.a. ein paar öffentliche Demonstrationen, um ihn beim Schwedischen Ärzteverein und auch sogar gerichtlich anzuzeigen („Schauhypnose“ war verboten), wobei er aber freigesprochen wurde. Er starb leider früh, erst knapp 53 Jahre alt, aufgrund eines Herzklappenfehlers infolge einer Streptokokkeninfektion, die er im Alter von 21 Jahren gehabt hatte.

Die Argumentation von einem seiner Verteidiger, Professor John Landquist in Lund, ist erwähnenswert, da sie auch heute in Fällen von Kritik gegen Rückführungen und Rückführungstherapie (ob hypnotisch oder nichthypnotisch) gültig ist: Björkhem sei ein „Fachmann in Hypnoseforschung und dem Ausüben von Hypnose, wahrscheinlich viel mehr, als irgendein Mitglied des Medizinalrates. … dass ein Fachmann in dieser Weise … sich einer Vormundschaft eines Rates unterwerfen solle, das jedenfalls nicht mehr kompetent als er selbst ist, muss als beleidigend und gegen den Geist des Gesetzes gesehen werden.“ (Zeitschriftenartikel vom Jahr 1951.)

 

Referenzen:

1. Clark, Rabia Lynn: Past Life Therapy. The State of the Art, APRT, Riverside CA, 1995 (Dissertation).

2. Ellenberger, Henri: The Discovery of the Unconscious, Basic Books, New York, 1970.

3. De Rochas, Albert: Les vies successives, Bibliothèque Chacornac, Paris, 1911 (deutsche Übersetzung: Die aufeinan­derfolgenden Leben, Altmann, Leipzig, 1914; Kurzfassung: Gibt es eine Wiedergeburt?, Baumgartner, Warpke-Billerbeck, 1920).

4. Cranston, Sylvia und Williams, Carey: Reincarnation. A New Horizon in Science, Religion and Society, Julian Press, New York, 1984.

5. http://explayandose.zoomblog.com/archivo/2007/11/28/memoria-y-reencarnaciones.html

6. De Rochas schrieb allerdings vorsichtshalber wiederholt von „Halluzinationen“ (wie später auch Björkhem) und weist auf einige wenige Erlebnisse hin, in denen einige Daten „völlig falsch“ seien, demonstriert aber auf der anderen Seite deutlich ge­nug seinen Glauben an die Reinkarnation – auch durch die Art seines ernstnehmenden Umgangs mit dem Erlebnismaterial. Ich betrachte daher seine einschränkenden Bemerkungen eher als „taktisch“ begründet. Zwischen den Zeilen vermittelt er eine andere Botschaft. Es ist gut möglich, dass er, in einer Zeit, in der das Thema viel heikler war als heute, damit Angriffe vermeiden wollte. Jedoch haben sich Reinkarnationsgegner mit Freude auf gerade diese Formulierungen von de Rochas gestürzt …

7. Flournoy, Theodore: From India to the Planet Mars, Princeton University Press, 1994 (Original: Des Indes à la Planète Mars, 1900).

8. Martin, Asa Roy: Researches in Reincarnation and Beyond, Eigenverlag, Sharon PA, 1942.

9. Björkhem, John: De hypnotiska hallucinationerna (Die hypnotischen Halluzinationen), 2. Aufl.: Litteraturförlaget, Stockholm, 1943 (1. Aufl. und Habilitationsschrift: Gleerup, Lund, 1942).

10. Björkhem, John: Hypnos och personlighetsförvandling (Hypnose und Persönlichkeitswandlung), Meddelande från Sällskapet för Parapsykologisk Forskning, No. 7, Stockholm, 1959; auch in: Människan och makterna (Der Mensch und die Mächte), Verbum, Stockholm, 1966, S. 87-123.

11. Carl-Magnus Stolt und Linda Björkhem-Bergen: “Hypnosis in Sweden during the Twentieth Century – the Life and Work of John Björkhem”, History of Psychiatry 15(2): 193-200, Sage Publications, London, 2004.

12. Linda Björkhem und Carl-Magnus Stolt: ”Hypnos i svensk 1990-tals medicin speglad genom John Björkhems liv och verksamhet”, Svensk medicinhistorisk tidskrift 5(1): 45-60, 2001.